
Die Transformation der Automobilzulieferindustrie (AZI) ist weit mehr als eine technologische Aufgabe. Sie stellt Unternehmen vor die Herausforderung, Technologie, Organisation und Menschen gleichzeitig weiterzuentwickeln. Um in einem dynamischen Umfeld zukunftsfähig zu bleiben, werden Qualifizierung und Kompetenzentwicklung zu zentralen Instrumenten strategischer Unternehmensführung. Doch wie gut sind die Unternehmen der AZI und das Bildungs- und Qualifizierungsökosystem der Bergischen Region auf die mit der Transformation verbundenen Herausforderungen vorbereitet?
Im Rahmen des Projektes TRAIBER.NRW wurde daher eine Transformations- und Kompetenzanalyse in 52 Unternehmen der Automobilzulieferindustrie in der Bergischen Region durchgeführt. Ziel der Untersuchung war es, die strukturellen, wirtschaftlichen und technologischen Herausforderungen der Branche systematisch zu analysieren und daraus konkrete Handlungsbedarfe für eine zielgerichtete Kompetenzentwicklung und Unterstützung der Unternehmen im Transformationsprozess abzuleiten.
Die Studie stellt die drei Transformationsebenen (1) Strategie, (2) Technologie/Innovation und (3) Personal in den Mittelpunkt. Die Auswertung der im Rahmen der Untersuchung durchgeführten Experteninterviews und Workshops zeigt insbesondere zukünftige Kompetenzbedarfe in den Bereichen Digitalisierung, spezialisierte Produktionsverfahren, nachhaltiges Wirtschaften, Marktdiversifikation sowie Innovations- und Transformationsmanagement.
Transformation und Qualifizierung im Überblick - Zentrale Ergebnisse der Studie
Trotz unterschiedlicher Unternehmensgrößen und Spezialisierungen benennen viele der befragten Unternehmen der Automobilzulieferindustrie ähnliche Herausforderungen und Kompetenzbedarfe.
Der Bedarf an Weiterbildung und Qualifizierung liegt insbesondere in den Bereichen Projektmanagement, Digitalisierung, Automatisierung und prozessorientiertes Arbeiten. Gerade kleinere Unternehmen stehen hier vor besonderen Schwierigkeiten, da wirtschaftliche Unsicherheiten notwendige Investitionen in Weiterbildung erschweren.
Ein zentrales Zukunftsthema für die Branche ist die Digitalisierung. Viele Unternehmen sehen den Digitalisierungsgrad ihrer Prozesse als entscheidend für ihre Wettbewerbsfähigkeit. Dabei geht es nicht nur um neue Technologien, sondern zunehmend auch um datenbasierte Analyseverfahren, die für Prozessoptimierung, Energieeffizienz oder eine bessere Kundenkommunikation genutzt werden können.
Darüber hinaus zeigt sich außerdem ein wachsendes Bewusstsein für strategische Zukunftsplanung. Themen wie Marktanalysen, technologische Trends oder Nachhaltigkeitsbewertungen gewinnen für eine zukunftsfähige Ausrichtung von Unternehmen an Bedeutung und werden häufig von Geschäftsführungen oder Innovationsverantwortlichen aktiv vorangetrieben.
Im Rahmen der Untersuchung wurden fünf zentrale Kompetenzfelder identifiziert, die für die Wettbewerbs- und Transformationsfähigkeit der Unternehmen der Automobilzulieferindustrie entscheidend sind.

Digitalisierung und Automatisierung: Unternehmen sehen digitale Kompetenzen als zentrales Zukunftsthema. Besonders relevant sind Fähigkeiten in der Prozessautomatisierung, Datenanalyse und Künstlichen Intelligenz sowie Kompetenzen in IT-Sicherheit und Datenschutz, um digitale Prozesse effizient und sicher zu gestalten.
Spezialisierte Produktionsverfahren und technologieorientiertes Wissen: Technologien wie 3D-Druck und Predictive Maintenance gewinnen zunehmend an Bedeutung. Sie eröffnen neue Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung und zur Flexibilisierung von Produktionsprozessen.
Nachhaltigkeit und Umweltmanagement: Getrieben durch regulatorische Anforderungen, Kundenanforderungen und gesellschaftliche Erwartungen steigt der Bedarf an Kompetenzen in CO₂-Management, Umweltmanagement sowie ressourceneffizienten Produktionsmethoden und Kreislaufwirtschaft.
Marktanalyse und strategische Diversifikation: Globale Marktveränderungen erfordern eine stärkere strategische Anpassungsfähigkeit der Unternehmen. Dazu gehören Kompetenzen in Marktanalyse, Produktentwicklung und interkultureller Zusammenarbeit. Gleichzeitig gewinnt der professionelle Einsatz digitaler Vertriebsinstrumente wie CRM-Systeme und Social-Media für eine moderne Marktbearbeitung an Bedeutung.
Transformationsmanagement: Unternehmen müssen ihre Fähigkeit stärken, Veränderungsprozesse aktiv zu gestalten, Innovationsprojekte umzusetzen und eine anpassungsfähige, lernorientierte Unternehmenskultur auf allen Ebenen zu entwickeln. Dabei spielen agile Methoden und Führungskompetenzen eine zentrale Rolle.
Auf Basis der erhobenen Daten wurden anschließend zentrale Maßnahmen zur Unterstützung der Transformation in der Automobilzulieferindustrie in den fünf Kompetenzfeldern abgeleitet.

Qualifizierung nach Maß
Die Analyse zeigt, dass Weiterbildungsbedarfe in Unternehmen maßgeblich von zwei zentralen Faktoren abhängen: Unternehmensgröße und Tätigkeitsfeld.
- Unternehmensgröße:
Die Größe des Unternehmens beeinflusst, wie Weiterbildung organisiert und umgesetzt werden kann.- Kleinere Unternehmen verfügen häufig über begrenzte personelle und finanzielle Ressourcen. Die Ausfallzeit einzelner Mitarbeitender ist oft schwerer zu kompensieren, da Aufgaben weniger stark verteilt werden können. Umfangreiche und langfristige Weiterbildungsmaßnahmen sind aufgrund der im Vergleich zu größeren Organisationen geringeren Budgets selten. Daher setzen kleine Unternehmen eher auf kurze, praxisnahe Qualifizierungsmaßnahmen.
- Größere Organisationen können auf stärker formalisierte Weiterbildungsprozesse zurückgreifen. Die Ausfallzeit einzelner Mitarbeitender lässt sich durch klar geregelte Vertretungsstrukturen besser kompensieren, da Aufgaben auf mehrere Personen verteilt werden können. Umfangreiche und langfristige Weiterbildungsmaßnahmen sind aufgrund größerer Budgets und strategischer Personalentwicklung häufiger umsetzbar. Daher setzen größere Organisationen verstärkt auf strukturierte und längerfristige Qualifizierungsprogramme.
- Tätigkeitsfeld:
Der konkrete Qualifizierungsbedarf hängt stark von dem jeweiligen Tätigkeitsfeld ab.- Im Produktions- und Shopfloor-Bereich stehen praxisnahe, kompakte Schulungen im Vordergrund.
- In Führungs- und strategischen Funktionen sind eher konzeptionelle und übergreifende Inhalte relevant.
Dadurch wird deutlich, dass Weiterbildungsangebote modular und zielgruppenspezifisch gestaltet sein müssen, um den spezifischen Anforderungen gerecht zu werden.
Ist das Weiterbildungsökosystem in der Bergischen Region gut vorbereitet?
Der Abgleich der vorhandenen Qualifizierungsangebote in der Bergischen Region mit der Analyse der Transformations- und Qualifizierungsbedarfe zeigt, dass die Bergische Region zwar über ein breites Bildungs- und Weiterbildungsangebot verfügt, dieses jedoch noch stärker auf die zukünftigen Anforderungen der Automobilzulieferindustrie ausgerichtet werden muss. Besonders in den Bereichen Digitalisierung, spezialisierte Fertigungsverfahren, Nachhaltigkeit, strategische Marktentwicklung und Transformationsmanagement bestehen wichtige Qualifizierungsbedarfe. Diese Themen spiegeln den grundlegenden strukturellen Wandel der Branche wider.
Um Unternehmen bei dieser Transformation besser zu unterstützen, lassen sich mehrere zentrale Handlungsfelder für das Bildungs- und Qualifizierungsökosystem ableiten.
Erstens sollten Weiterbildungsangebote stärker an strategischen Zukunftsthemen ausgerichtet werden, wie etwa auf:
- Datenanalyse, IT-Sicherheit, KI-Integration und Automatisierung.
- Predictive Maintenance und vernetzte Fertigung.
- CO₂-Bilanzierung, Nachhaltigkeitsberichterstattung oder zum Lieferkettengesetz.
- Anwendung von CRM-Systemen, Social-Media-Marketing und Produktportfoliomanagement.
- Transformationsfähigkeiten, Innovationsmanagement, agile und Change-Methoden.
Das sind Themen, die den produzierenden Unternehmen, insbesondere denjenigen, die eher ein Lohnfertigungsgeschäftsmodell nutzen, fern liegen, jedoch sind sie unabdingbar, um den regulatorischen Anforderungen und den Anforderungen des sich wandelnden Automotive-Markts gerecht zu werden.
Zweitens zeigt sich, dass viele Unternehmen bestehende Angebote nicht kennen oder nur schwer passende Formate finden. Deshalb braucht es:
- mehr Transparenz, beispielsweise durch einen regionalen Qualifizierungsnavigator, der Weiterbildungsangebote übersichtlich bündelt. Mit der Kompetenzplattform.nrw stellen die drei Transformationsnetzwerke TRAIBER.NRW, TrendAuto2030plus und ATLAS bereits ein Tool zur Verfügung, das vorhandene Angebote strukturiert aufbereitet und zentral zugänglich macht.
- Beratungs- und Matchingformate, die Unternehmen dabei unterstützen, ihren konkreten Weiterbildungsbedarf systematisch zu ermitteln und passende Anbieter zu identifizieren. Ein entsprechendes Angebot stellt TRAIBER.NRW bereit. Über strukturierte Beratungsprozesse werden Bedarfe gemeinsam analysiert und gezielt mit passenden Qualifizierungsangeboten verknüpft. Unternehmen können sich hierfür direkt an die Geschäftsstelle wenden.
Drittens bietet die Region großes Potenzial für stärkere Kooperationen zwischen Weiterbildungsakteuren.
- Hochschulen, Bildungsanbieter und wirtschaftsnahe Organisationen sollten ihre unterschiedlichen Kompetenzen bündeln, gemeinsame Programme entwickeln und Qualifizierungsangebote besser aufeinander abstimmen.
Viertens sollten Weiterbildungsangebote stärker nach Unternehmensgröße und Tätigkeitsfeld differenziert werden. Dazu gehören:
- Kompakte, praxisnahe Weiterbildungsformate für KMU, beispielsweise Ein-Tages-Workshops oder kurze Online-Formate.
- Modulare Lernpfade und vertiefende Entwicklungsprogramme für größere Unternehmen, etwa mit Integration von Reifegradmodellen, interner Projektarbeit und langfristiger Kompetenzplanung.
- Tätigkeitsfeldspezifische Qualifizierungen, beispielsweise praxisnahe Schulungen für Mitarbeitende im Produktions- und Shopfloor-Bereich, IT- und Prozesskompetenzen für Verwaltungs- und Supportfunktionen sowie strategisch ausgerichtete Weiterbildungen für Führungskräfte.
Transformation der AZI in der Bergischen Region gemeinsam erfolgreich gestalten:
Die Transformation der Branche ist weit mehr als eine technologische Herausforderung: Sie erfordert eine ganzheitliche strategische Neuausrichtung der Unternehmen. Entscheidend für ihre Zukunftsfähigkeit ist das Zusammenspiel von Technologie, Organisation und Mensch. Transformation ist damit kein reines Technologie-Upgrade, sondern eine Managementaufgabe, die nur dann gelingen kann, wenn Technologien, organisationale Strukturen und Mitarbeiter gemeinsam weiterentwickelt werden.
Für das Bildungs- und Qualifizierungsökosystem der Region ergibt sich daraus eine zentrale Aufgabe: Eine besser abgestimmte, transparente und zielgruppenspezifische Weiterbildungslandschaft kann einen entscheidenden Beitrag leisten, um Unternehmen der Region bei der Transformation der Automobilindustrie wirksam zu unterstützen.